„Aufschreiben!“ Dieter Götzl und sein Weg vom Improvisieren zum Komponieren

Vor einigen Wochen ist das Gitarrenheft „Sechs Miniaturen für zwei Instrumente mit Gitarrenbegleitung“ von Dieter Götzl im Fidelio Verlag erschienen. Die Publikation besteht aus zwei Teilen – dem Hauptheft mit den Partituren und dem Beiheft mit den Stimmen der Melodieinstrumente. Die Publikation fiel mitten in die Corona-Pandemie. Wir fragen Dieter Götzl, wie diese Umstände die Publikation beeinflusst haben und wie er selbst sein Werk beschreiben würde. 

Fidelio Verlag: Herr Götzl, fangen wir einmal ganz vorne an. Wie sind Sie zur Musik gekommen und was hat Sie dazu inspiriert, zu komponieren?

Dieter Götzl: Wie ich zur Musik gekommen bin, kann ich tatsächlich an einem konkreten Erlebnis festmachen. Ich war als Zehnjähriger gerade neu aufs Gymnasium gekommen, als ich eines Tages durch die geöffnete Tür des Musiksaals hörte, wie Chor und Orchester das Laudate Dominum von Mozart einstudierten. In diesem Moment wusste ich, dass diese Musik mich nicht mehr loslassen wird und dass ich dieses wunderbare Werk einmal selbst spielen will. Bald danach begann ich mit dem Geigenunterricht… Der Gitarre habe ich zu verdanken, dass sich meine musikalischen Interessen nie allein auf die Klassik beschränkt haben, dass auch Erfahrungen mit vielen anderen Genres wie z. B. Fado und Klezmermusik mit ihren jeweils ganz eigenen Harmonien und Rhythmen hinzukamen, dass ich viele Jahre in einer Big Band mitgespielt habe.

Mit dem Gedanken, selbst zu komponieren, habe ich mich eigentlich nie wirklich befasst. Aber so gut wie immer, wenn ich die Gitarre in die Hand genommen habe, habe ich spontan begonnen zu improvisieren. Nicht von ungefähr hat der berühmte brasilianische Gitarrist Baden Powell einmal gesagt, dass Improvisieren und Komponieren Zwillingsschwestern seien. Als ein guter Freund von mir dann eines Tages dazu überging, bei einer gelungenen Improvisation statt „Schön!“ einfach nur „Aufschreiben!“ zu sagen, war der Schritt vom Improvisieren zum Komponieren getan.

Fidelio Verlag: Sie beschreiben Ihre „Sechs Miniaturen für zwei Instrumente mit Gitarrenbegleitung“ als kleine Geschichten, die beim Musizieren immer wieder neu und ein wenig anders erzählt werden können. Hatten Sie bei der Entstehung der Kompositionen konkrete Geschichten vor Augen oder sind die Geschichten den Fantasien des Interpreten überlassen?

Dieter Götzl: Teilweise hatte ich diese Geschichten tatsächlich schon bei der Komposition vor Augen. So habe ich „Rainy sunday“ an einem völlig verregneten Sonntag Anfang August dieses Jahres geschrieben. Ich musste meine Pläne für diesen Tag pandemiebedingt kurzfristig ändern, meine Stimmung war entsprechend gedrückt. Im Stück kommt dies durch die eine oder andere „blue note“ zum Ausdruck. Bei anderen Stücken kamen die Assoziationen erst später. Die Bilder sind erst nach der Komposition in meinem Kopf entstanden, aber trotzdem inzwischen untrennbar mit dem jeweiligen Stück verbunden. Natürlich wäre es schön, wenn beim Spielen meiner Stücke in der Phantasie der Interpreten eigene Geschichten entstünden. Und das dürfen dann selbstverständlich auch ganz andere, ganz individuelle Geschichten sein.

Fidelio Verlag: Der Begriff Miniatur kann sich in der Musik auch auf verschiedene Musikgattungen beziehen. Wie würden Sie selbst das Genre Ihrer Kompositionen bezeichnen? Was ist das Alleinstellungsmerkmal?

Dieter Götzl: Darüber habe ich mir wirklich noch nie Gedanken gemacht! Ich habe versucht Stücke zu schreiben, die zwar harmonisch einigermaßen interessant, aber insgesamt nicht zu fordernd sind, damit die Interpreten beim Spielen noch in die Musik hineinhorchen können. Es ging mir darum, Stimmungen in jeweils der musikalischen Sprache ausdrücken, die ich mit genau dieser Stimmung verbinde. Und dieser ganz persönliche Ansatz ist dann vielleicht auch das Alleinstellungsmerkmal. 

Fidelio Verlag: Dieses Jahr ist ja sehr geprägt von der Corona Pandemie. Besonders die Kulturszene ist stark beeinträchtigt. Wie kommt es, dass Sie ausgerechnet in dieser Zeit Ihre Kompositionen veröffentlichen?

Dieter Götzl: Dass die Kulturszene stark beeinträchtigt ist, spüre ich leider auch am eigenen Leib – nicht nur als Konzertbesucher. Das (Laien-)Symphonieorchester, in dem ich mitspiele, musste in diesem Jahr zwei geplante Konzerte absagen. Und auch die Probenarbeit ist bis auf eine sehr kurze Phase nach dem ersten Lockdown pandemiebedingt zum Erliegen gekommen. Für mich persönlich ziemlich schmerzlich, aber natürlich kein Vergleich mit der Situation, in der im Moment freischaffende Künstlerinnen und Künstler sind. Ich habe dann bewusst versucht, diese trübe Zeit zumindest einigermaßen sinnvoll zu nutzen, indem ich musikalische Ideen, die mir durch den Kopf gegangen sind, niedergeschrieben und in eine Endfassung gebracht habe.

Fidelio Verlag: Im Moment ist nicht absehbar, wann wieder Konzerte und Veranstaltungen in gewohntem Rahmen durchgeführt werden können. Wenn Sie jedoch einmal die Möglichkeit hätten, einen Konzertabend genau nach Ihrem Geschmack gestalten zu können, wie würde dieses Konzert aussehen?

Dieter Götzl: Zunächst verbinde ich mit einem Konzertabend ein mehr oder weniger großes Publikum. Ich hoffe, Sie sind daher nicht allzu sehr enttäuscht, wenn bei diesem fiktiven Konzert die Gitarre nicht vorkommt. Ich drücke mit der Gitarre immer ganz persönliche Stimmungen und Gefühle aus – und die sind eigentlich nicht für großes Publikum gedacht. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Wenn ich tatsächlich einmal einen Konzertabend gestalten könnte und etwas ansonsten „Verbotenes“ machen dürfte, würde ich wahrscheinlich ein Programm zusammenstellen, das aus den langsamen Sätzen (und nur aus diesen!) von klassischen Streichquartetten bestünde: Vielleicht Mozarts Jagdquartett, Mendelssohn-Bartholdys Quartett in a-Moll, der Kopfsatz von Beethovens op. 131 – alles wunderbare und sehr stimmungsvolle Musik. Zum Abschluss käme aber auf jeden Fall noch ein zweites Cello auf die Bühne und würde das Quartett beim langsamen Satz von Schuberts Streichquintett verstärken. Am Ende des Konzertes müsste dann eigentlich jeder spüren, dass es nach diesem Werk musikalisch (fast) nichts mehr zu sagen gibt…

Fidelio Verlag: In diesem Jahr haben Sie Ihre „Sechs Miniaturen“ veröffentlicht. Haben Sie schon neue Ziele für die nächste Zeit?

 

Dieter Götzl: Unter den musikalischen Gedanken, die ich in den letzten Monaten niedergeschrieben habe, sind neben den jetzt veröffentlichten Miniaturen auch weitere Stücke, z. B. für andere Besetzungen. Vielleicht gelingt es mir ja, diese bald in eine Fassung zu bringen, mit der ich selbst zufrieden bin.

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