Der Corona-Shutdown in der Kulturbranche - Trompeter Bastian Stein erzählt

„Diese Krise bietet für viele freischaffende Künstler die Chance sich gemeinsam stark zu machen und auf die ungleiche Verteilung bei Subventionen in der Kultur aufmerksam zu machen.“ (Bastian Stein)

 

Bastian Stein (*1983) zählt zu den bekanntesten und erfolgreichsten Jazztrompetern Deutschlands. Schon mit 15 Jahren begann er, klassische Trompete in Wien an der Universität für Musik und darstellende Kunst zu studieren - später dann Jazz in Amsterdam. Seit 2013 lebt der gebürtige Heidelberger mit seiner Familie in Köln, wo er regelmäßig mit eigenen Projekten, aber auch als gefragter Sideman, aktiv ist. Daneben ist er auch in unregelmäßigen Abständen mit der WDR-, NDR-, HR- und SWR- Bigband zu hören. Seit 2016 unterrichtet er Jazztrompete an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart und ist seit 2020 Gastprofessor in Berlin.

Bastian Stein berichtet, wie er die Corona-Krise in den letzten Monaten wahrgenommen hat und was sich für ihn veränderte.

B.S.: Die letzten drei Monate waren sehr intensiv für mich und für uns als Familie. Mit zwei kleinen Kindern zu Hause (9 Monate und fast 5 Jahre) und der Umstellung auf Online Unterricht war es immer sehr knapp auf Kante genäht. Die Tatsache, dass der Kindergarten für uns am längsten geschlossen blieb (Künstler sind ja nicht systemrelevant) und ich zeitgleich mit Beginn der Pandemie an einer weiteren Hochschule eine Gastprofessur erhielt, war für diese Umstände nicht ganz ideal! Auf der anderen Seite waren wir dadurch nicht so sehr von den finanziellen Einbrüchen betroffen.

Du bist als Trompeter deutschlandweit unterwegs und hast auch für dieses Jahr noch zahlreiche Konzerte geplant. Mit welchem Gefühl begegnest Du diesen Konzerten und inwiefern hat die Krise Deine eigene musikalische Karriere getroffen?

B.S.: Ich habe (noch) nicht das Gefühl, dass es meine Karriere sonderlich getroffen hat, oder mehr als andere. Wir sitzen ja alle im selben Boot und die Zukunft bleibt ungewiss. Es ist schon abzuzeichnen, dass sich die ohnehin prekäre Lage vieler Künstler durch diese Krise nicht verbessern wird. Von den geplanten Konzerten für dieses Jahr sind die meisten abgesagt und ich denke von den wenigen, die noch unklar sind, werden die meisten auch nicht stattfinden. Wobei ich jetzt auch schon wieder einige Anfragen ab September bekomme. Streaming-Konzerte können eine gute Übergangslösung für Künstler und Kulturinteressierte sein, sind aber eben nur eine Notlösung! Die Kunst lebt auch von der unmittelbaren Reaktion des Publikums auf den Künstler.

 

Durch die Schließung von Schulen, Musikschulen und Universitäten konnte kein Unterricht wie gewohnt stattfinden. Wie hast Du Deinen beruflichen Alltag gestalten können? Wie empfindest Du das Format des Online-Unterrichts? Und wie sind die Schüler*innen und Studenten*innen damit umgegangen?

B.S.: Ich finde, dass alles eigentlich viel besser lief, als anfangs befürchtet. Es bietet sehr viele Möglichkeiten und zeigt auch auf, wo man den normalen Präsenzunterricht durch zusätzlichen digitalen Unterricht noch effektiver gestalten kann. Einige meiner Studenten hat es sehr viel Überwindung gekostet, mir wöchentlich Aufnahmen zu schicken. Jede Woche ein Ergebnis zu liefern, anhand dessen man den Fortschritt messen kann, macht deutlich, wie viel Aufwand nötig ist, um eine klar hörbare Verbesserung in einer Aufnahme wahrzunehmen. Trotzdem, oder gerade deshalb, hatte ich das Gefühl, dass der Großteil der Studenten sehr gut mit dieser Situation umgegangen ist und viel Produktives dabei entstehen konnte. Die Unterrichtsvorbereitung und Semesterplanung waren natürlich sehr viel aufwendiger und ich musste diese im Verlauf auch immer wieder individuell anpassen. Nach einem Semester bin ich nun bei vielen Studierenden langsam an einen Punkt angekommen, an dem ich Präsenzunterricht jetzt wieder für essentiell halte, da viele Themen in der Theorie und auch mittels geeigneten Übungen behandelt werden konnten, der künstlerische Umgang aber viel zu kurz kam.

 

Wo siehst Du Potential und Stärken dieses Formates, die in Zukunft möglicherweise beibehalten werden können?

 

B.S.: Ich finde das Senden von Audio-Dokumentationen bei konkreten Aufgabenstellungen sehr effektiv. Der Student ist gezwungen, die Aufgabenstellung klar umzusetzen, außerdem kann eine Nachbesprechung anhand der Aufnahme stattfinden. Auch Themen mit hohem Gesprächsbedarf können Online durchgeführt werden. Ebenso kann ich als Lehrer Aufnahmen zu gewissen Themen versenden, die die Studenten dann öfter hören und dadurch besser verarbeiten können.

Durch das Verlangsamen unseres schnelllebigen Alltags in den letzten drei Monaten hat sich viel verändert- mehr Zeit für die Familie und auch für Hobbys. Was nimmst Du persönlich aus der Krise mit?

B.S.: Diese Krise hat mich durchaus in einigen Belangen persönlich an einige Grenzen gebracht. Das nehme ich eigentlich sehr positiv war und bin dankbar für diese Lektionen, die mir im Umgang mit anderen Krisen sicherlich helfen werden. Mehr Zeit für Hobbys hatte ich durch meine beschriebene Situation leider nicht. Für die Familie war es natürlich toll, aber auch immer wieder anstrengend. Die Situation, keine anderen Kinder treffen zu dürfen, ist sehr unnatürlich und wir Eltern mussten dadurch sehr viel an spielerischem Umgang ersetzen, der normalerweise unter Kindern stattfindet (Rollenspiele etc.). Im Großen und Ganzen blicken wir aber sehr positiv auf diese Zeit zurück.

Was denkst Du, wie die Zukunft des kulturellen Lebens in naher und ferner Zukunft aussehen wird? 

B.S.: Das ist wirklich schwer vorherzusagen und hängt von so vielen Dingen ab, die keiner wissen kann. In naher Zukunft wird es glaub ich noch eher wenig Kultur geben und für die ferne Zukunft wünsche ich mir, dass die Kunst wieder systemrelevant gesehen wird. Diese Krise bietet für viele freischaffende Künstler die Chance sich gemeinsam stark zu machen und auf die ungleiche Verteilung bei Subventionen in der Kultur aufmerksam zu machen.

 

Foto: Alessandro de Matteis

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