Kreative Orchesterarbeit in der Krise: Die Musikerin Anne Löffelmann präsentiert, wie sie ihr Orchester durch die Krise dirigiert

 „Ich versuche es als Chance zu sehen jeden einzeln zu fördern. Je besser das gelingt, desto besser gehen wir aus dieser Krise und vielleicht ist das Orchester sogar geschlossener und jede/r Musiker/in selbstbewusster als zuvor.“

 

Die Dirigentin Anne Löffelmann (*1989) studierte Schulmusik an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart und legte ebenfalls einen Bachelor of Music in Horn ab. Ergänzend hierzu studiert sie Dirigieren mit Schwerpunkt Blasorchester in Mannheim und leitete mit ihren jungen Jahren bereits mehrere Orchester. Seit Anfang März dürfen keine Orchesterproben mehr stattfinden. Nur ganz langsam und in kleinen Gruppen ist es wieder erlaubt zu proben. Wir fragen Anne Löffelmann, wie Sie die Zeit, ohne das wöchentliche Proben, mit ihrem Orchester empfunden hat.

 

A. L.: Das war ein großer Einschnitt für mich und mein Orchester. Wir hatten gerade unser Probenwochenende hinter uns und standen kurz vor unserem Jahreskonzert, als die Probe für zwei Wochen unterbrochen wurde. Zunächst war mir nicht bewusst wie lange die Pause tatsächlich sein würde. Ich habe von Woche zu Woche mehr verstanden, dass es sich nicht um Tage oder Wochen handelt, sondern dass es eher Monate sind, mit denen ich planen muss. Als mir das klar wurde, kam auch die große Herausforderung wie man den Probenbetrieb abseits von Konzertvorbereitung und mit Abstand möglich machen kann. Die Idee die neuen Medien zu nutzen, kam dann schnell auf. Die Frage, wie man online mit einem ganzen Orchester arbeiten kann, konnte einem niemand beantworten. Da war jeder zunächst komplett auf sich alleine gestellt. Das gab es ja zuvor noch nie und es gab keine Vorbilder von denen man sich etwas abschauen konnte oder gar geeignete Literatur, in der man das nachlesen kann.

 

In der heutigen Zeit ist es so, dass mittlerweile vieles online bewältigt werden kann. Wie stellt man sich das mit einem Orchester vor? Ist es genau so einfach, wie das Online-Meeting einer Firma? Welche Formate, welche Möglichkeiten hattest Du mit deinem Orchester und was habt ihr daraus gemacht?

 

A. L.: Vor der Corona- Krise hätte ich gesagt, es ist ausgeschlossen online mit einem ganzen Orchester zu arbeiten. Die Probleme die sich daraus ergeben sind einfach zu zahlreich. Man stelle sich einmal ein Meeting vor, bei dem 50 Menschen gleichzeitig miteinander kommunizieren. Da ist das Chaos vorprogrammiert. Das größte Problem dabei ist die Latenz, die zeitliche Verzögerung. Mit den üblichen Diensten wie Skype und Zoom ist die zeitliche Verzögerung der Übertragung so groß, dass selbst kleine Gruppen nicht miteinander spielen können. Es gab in der Krise einige Programme, die versucht haben dieses Problem zu beheben. Wir haben davon einige ausprobiert, aber die technische Bedienung war für uns zu kompliziert.

Wir haben dann per Skype und Zoom in Kleingruppen (maximal zu viert) online geprobt, in dem immer abwechselnd nur ein/e Musiker/in das Mikrophon hatte und die anderen Musiker zuhause mit musizierten. Etwaige Probleme/Fehler konnten dann in der Gruppe besprochen werden. Ein wichtiger Begleiter war da immer das Metronom- für die Musiker/innen in der Orchesterarbeit eher ungewohnt, aber sehr wirkungsvoll. Als die Regeln etwas gelockert wurden, haben sich zwei Musiker auf Abstand im Musikerheim getroffen und ich habe mich per Skype dazu geschaltet. Diese Formate sprechen aber nur wenige Musiker/innen gleichzeitig an und die soziale Hürde (alleine vorspielen, sich mit seinen Fehlern der Gruppe stellen) ist sehr hoch.

Deshalb war das wichtigste Format in der Corona-Krise ein Wochenmagazin. Zusammen mit meinem Vater (Simon Löffelmann) und Freunden vom Schulmusikstudium in Stuttgart (Laura Breuter-Widera und Daniel Müller), die alle auch Musikvereine leiten, habe ich einmal pro Woche ein Übemagazin mit Übungen, Erklärungen und Videos erstellt, mit dem die Musiker/innen zuhause üben konnten. Die Idee kam mir, als ich zuhause Sport machte und zahlreiche Apps zum Trainieren fand aber keine Trainingspläne für das Üben.

 

Wie hast Du persönlich als Dirigentin die Nutzung dieser Online-Formate empfunden?

 

A. L.: Die Arbeit an diesen Formaten war sehr spannend aber auch sehr zeitintensiv. Das Erstellen der Magazine verschlang ganze Nachmittage. Ich arbeite gerne mit Menschen und die direkte Rückmeldung des Gegenübers ist für mich das Spannende am Musizieren, das kann so ein Magazin leider nicht ersetzen. Als einen positiven Aspekt, sehe ich aber das spezielle Üben an bläsertechnischen Problemen. Dieses Fundament versuche ich in Einblasstudien und Registerproben zwar so individuell wie möglich zu stärken und zu erklären, oft kommt dieser Aspekt aber in der Konzertarbeit zu kurz. Vor allem in der Zusammenarbeit mit Laien ist das ein wichtiger Baustein, denn viele Musiker haben keinen Einzelunterricht mehr und somit außerhalb der Probe keinen weiteren Input. Zeitgleich werden an Blasorchester immer höhere Anforderungen gestellt, da sich die Blasorchesterliteratur erweitert. Sehr gewinnbringend habe ich auch die Zusammenarbeit mit meinen Musikerfreunden empfunden. Als Dirigentin ist man in seiner Entscheidung und in der Vorbereitung ja meist alleine. Der Austausch war für mich sehr lehrreich und ich habe es als große moralische Unterstützung empfunden in dieser Zeit.

 

Nach dieser langen Proben- und Auftrittspause wird es sehr wahrscheinlich nicht einfach sein, wieder direkt an den vergangenen Leistungsstand anzuschließen. Wo siehst du bei Eurem Probenstart Probleme, mit welchen Schwierigkeiten wird Dein Orchester möglicherweise konfrontiert werden, oder was ist sogar positiv daran?

 

A. L.: Ich denke die große Schwierigkeit ist es nach wie vor, alle Musiker/innen regelmäßig zu erreichen, denn das regelmäßige Auseinandersetzen und Üben mit dem Instrument ist die Voraussetzung für kontrolliertes Spielen. Wir spielen mittlerweile in Ensembles in denen jeweils 12 Musiker/innen zusammen musizieren aber bei 50 Musikern ist jeder eben nur alle 2-3 Wochen dran. Da ist jetzt die Selbstverantwortung aller Aktiven gefragt. Diese Selbstverantwortung und das selbstständige Beschäftigen mit dem Instrument (z.B. mit dem Wochenmagazin) kann aber auch eine große Chance sein, denn wenn möglichst viele Musiker/innen das später beibehalten geht es in den gemeinsamen Proben umso schneller. Das Spielen in kleinen Ensembles bietet auch die große Chance für jeden herausfordernde Aufgaben bereit zu halten und jeden als Solist an seiner Stimme individueller zu fördern.

 

Durch das Veranstaltungsverbot konnten keine Konzerte stattfinden und auch in den nächsten Wochen wird dies nur bedingt möglich sein. Wie optimistisch blickst Du nun in die Zukunft Deines Orchesters?

 

A. L.: Ich bin Optimistin und versuche auch dieser Situation etwas abzugewinnen. Das Spielen in Ensembles sehe ich als spezielles, intensives Trainingsprogramm für „meine“ Musiker/innen. Am 27.9. werden wir ein Outdoor Ensemble Konzert unter strengen Auflagen veranstalten. Ich freue mich darauf „meine“ Musiker/innen in diesem neuen Umfeld besser kennenzulernen und versuche es als Chance zu sehen jeden einzeln zu fördern. Je besser das gelingt, desto besser gehen wir aus dieser Krise und vielleicht ist das Orchester sogar geschlossener und jede/r Musiker/in selbstbewusster als zuvor. Aber wie gesagt, ich bin Optimistin.

 

Foto: Oliver Röckle

 

 

 

 

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