„Mein Geigenkoffer ist stets geöffnet!“ - Die Profigeigerin Maike Schmersahl im Interview-

- Ohne Musik kann ich nicht leben, aber ohne ein Publikum auch nicht -

Einmal rund um den Globus fliegen für ein Konzert in Norwegen, Schweden, Russland oder Japan ist aktuell nicht mehr vorstellbar. Diese Tourneen waren für die Profigeigerin Maike-Marie Schmersahl der Alltag, der sich jetzt um 180 Grad gedreht hat. Die Musik ist für die gebürtige Hamburgerin schon seit ihrem vierten Lebensjahr fester Bestandteil ihres Lebens. Sie studierte an der Kölner Musikhochschule & spielte bereits bei den Essener, Stuttgarter, Bremer, Dortmunder Philharmonikern und ist aktuell Konzertmeisterin im Theater Lüneburg.

Wie und mit welchem Gefühl bist Du mit dem plötzlichen Spiel- und Probenverbot der Orchester umgegangen?

Um ehrlich zu sein, habe ich erstmal ein bisschen Pause gemacht.

Ich nenne es Kreativpause, denn es tat mir gut. Schnell merkte ich doch, dass mir die Geige fehlte und fing wieder an zu üben. Erst technische Sachen, dann überlegte ich, welche Stücke ich unbedingt schon immer lernen wollte. Das ist ein Luxus, denn meistens bleibt einfach nicht genug Zeit. Opern müssen gelernt werden, dann steht auch schon das nächste Sinfoniekonzert an, dann wieder als Freiberufler Konzerte und so geht es immer weiter.

 

Als plötzlich alles abgesagt wurde, konnte ich für mich üben. Ich stöberte in Notenbergen, die sich so im Laufe der Zeit ansammeln und studierte einige Stücke, die ich schon immer mal lernen wollte und frischte alte Stücke aus Studentenzeiten wieder auf. Mein Geigenkoffer ist stets geöffnet!

Langsam sind nun wieder, unter Einhaltung eines strengen Hygienekonzeptes, Orchesterproben möglich. In welchem Rahmen laufen die Proben aktuell am Theater in Lüneburg ab?

Wir hatten unseren letzten „Dienst“ am 14.3.2020. Bis jetzt ist alles auf Eis gelegt. Besprechungen fanden digital statt, allerdings keine Proben. Wenn es keine Konzerte oder Aufführungen gibt, macht es auch wenig Sinn zu proben. Ab Mitte August wird der Spielplan langsam wiederaufgenommen werden. Keiner weiß genau, wie es in ein paar Wochen aussieht. Das ist bei einem Opernbetrieb sehr schwer, denn alles wird bis zu zwei Jahren im Voraus geplant.

Was glaubst Du, wie es sich im Orchester anfühlen wird, nach einer so langen Zeitspanne wieder aufeinander zu treffen? Wie werden die ersten Proben ablaufen? 

Da habe ich auch noch überhaupt keine Ahnung. Es wird bestimmt großen Redebedarf geben.

Jeder hat ja die „Auszeit“ anders erlebt oder verbracht. Ich freue mich sehr auf die ersten Proben, ENDLICH wieder zusammen musizieren.

Ab September soll der Spielplan langsam wiederaufgenommen werden. Wir werden dann auf der Bühne sitzen, jeder allein am Pult und natürlich mit deutlich weniger Publikum. Wir geben dann 2 Konzerte am Abend, die jeweils nicht länger als eine Stunde dauern dürfen.

Es wird spannend.

Wie erging es Dir persönlich in den letzten Wochen und Monaten? Wie konntest Du Dich und Deine Familie über Wasser halten?

Mir persönlich geht es als Angestellter eines Hauses natürlich noch sehr gut. Im Vergleich zu den ausschließlich selbständigen Musikern, zu denen ich ja auch noch bis vor kurzem gehörte, ist angestellt zu sein ein Privileg. Wir vom Orchester bekamen ab Mitte März Kurzarbeit. Da ich aber nicht nur Angestellte bin, sondern auch viel als selbständige Musikerin in Europa tätig bin, fällt natürlich meine Selbständigkeit komplett aus. Ich bin eine alleinerziehende Mutter einer elfjährigen Tochter. Mein Alltag bestand aus betreutem homeschooling und üben meines Instrumentes. Natürlich hat mir die Inspiration und ein Ziel vor Augen gefehlt. Wofür übe ich? Für mich? Natürlich, ohne Musik kann ich nicht leben, aber ohne ein Publikum auch nicht! Das sind elementare Fragen die aufkamen mit denen es sich lohnt, zu beschäftigen.

Was hast Du in den letzten Wochen in Deiner Stadt und im Norden kulturell besonders vermisst und was hat sich gravierend verändert? Was ist Dein Resultat aus den letzten Monaten?

Besonders fehlen mir die kleinen, intimen und persönlichen Konzerte. Zum „Anfassen“ wie wir immer sagen, mit anschließenden Diskussionen über Werke, Gefühle etc. Auch nimmt man gern Kritik, aber vor allem auch Lob entgegen.

 Ich wohne südlich von Hamburg, vor den Toren der weltbekannten Reeperbahn. Ich denke, dass wir Künstler, egal aus U oder E Bereich, die Selbständigen, gerade, was die Kreativität angeht, es sehr schwer haben werden.

Wie Olivia Jones, die berühmte Drag Queen von Hamburg, es sehr richtig gesagt hat:

„Wir sind die Ersten die schließen müssen und die Letzen, die wieder öffnen dürfen.“

Ein sehr treffender, trauriger und doch wahrer Satz.

Meine Angst ist, dass sich das individuelle, kleine, welches natürlich aus wirtschaftlicher Perspektive nicht wirklich lohnt, immer weiter verschwindet und nur die Großen überleben werden. Dies ist natürlich aus kreativer sowie vielfältiger Sicht für die Kunst giftig. Es ist aber nicht nur in der Musik oder Kunst die Gefahr. Wenn man an die kleine Boutique, das kleine Lokal nebenan denkt, macht das schon Angst.

Deshalb ist es wichtig, dass jetzt auch die Großen den Kleinen helfen. Deutschland hat sich international in der Pandemie sehr gut gehalten und ich bin überzeugt, dass wir mit Disziplin und Rücksicht aufeinander sie gut überstehen können.

 

Foto: Arash Marandi

 

 

 

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